Freitag, 12. Mai 2017

Es geht uns gut


Heute mal ein Buch, das ich so wahrscheinlich nie und nimmer gelesen hätte. Erstens, weil ich keine Bücher mag, in denen die Handlung entweder kurz vor oder nach 1934 - 1945 spielt. Und zweites, weil ich den Autor nicht kannte. Komischerweise fand ich das Buch in Helsinki am Busbahnhof liegen und hab es dann mitgenommen. Zufälle gibt es ja....Falls also jemand dieses Buch vermisst, schreibt mir ^^ Arno Geigers Buch wurde zwar erst 2005 veröffentlicht, aber wenn man das nicht weiß, könnte es sich auch ohne Diskussion um ein Protowerk der Nachkriegsliteratur handeln. Ausgenommen ist lediglich die Sprache, die bei Romanen nach 1945 ja eher karg und auf das Notwendigste beschränkt bleibt. Mr. Geiger hingegen erinnert teilweise an T.C Boyle, so haben beide einen sehr geschwätzigen Ton und die Sätze sind bis ins Unendliche ausgeschmückt. Eigentlich mag ich das ja auch, aber Arno Geigner trieb mich phasenweise in den Wahnsinn! Warum und weshalb das so war, erfährt ihr nun in den nächsten Zeilen:

Bei diesem Buch ist es außerordentlich schwierig sich auf ein Minimum zu beschränken, wenn man versucht seinen Inhalt zusammenzufassen oder gar wiederzugeben. Es passiert so viel und Arno schreibt und schreibt und die vielen Details machten es manchmal mühsam dran zu bleiben. Oberflächlich gesagt, handelt das Buch von einer Familie und ist somit in das Genre "Familiensaga" einzuordnen. Es fängt eigentlich auch ganz harmlos an, im ersten Kapitel erbt der Protagonist Philipp Erlach das Haus seiner Großmutter in einer Wiener Vorstadt und setzt mit dem ersten Betreten der alten Gemäuer eine Erzählung in Gange, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Genaugenommen 70 Jahre lang. 

Während der Autor zeitlich hin und her springt, erfahren wir von Alma und Richard, die während der NS-Zeit ein Kind bekommen und nichts mit der politischen Ideologie dieser Zeit zu tun haben wollen. Schon alleine diese beiden Figuren sind so ausgeschmückt und haben eine detailreiche Geschichte. Alma beispielsweise gibt ihr Medizinstudium auf, um sich um den Nachwuchs kümmern zu können, weiters hilft sie ihrer Mutter bei der Leitung einer Wäscherei und muss sich mit der Untreue ihres Ehemannes herumschlagen. Später vergräbt sie sich in Bücher und bekommt ein eigenes Bienenhaus.

Dann erzählt Arno Geiger von Peter, der die letzte Hitlerjugend durchmacht, und von Ingrid, die dann schließlich Philipp und Sissy auf die Welt bringt. Den Hauptplot übernimmt aber die Geschichte von Philipp, der ein kompletter Taugenichts ist. Die Figur des Philipps ist leider nicht sonderbar spannend, aber wenn Arno Geiger seine Darstellung nicht immer wieder unterbrochen hätte, wäre vielleicht auch etwas mehr aus ihm geworden. Generell fand ich diese ständigen Unterbrechungen, wo der Autor von einer Figur zur anderen springt, damit auch ja alle zum Zug kommen, sehr störend und manchmal musste ich das Buch dann einfach entnervt weglegen. Lesegenuss sieht anders aus! 

"Schon bei seiner Ankunft am Samstag war ihm aufgefallen, dass am Fenster unter dem westseitigen Giebel der Glaseinsatz fehlt. Dort fliegen regelmäßig Tauben aus und ein. Nach einigem Zögern warf er sich mit der Schulter gegen die Dachbodentür, sie gab unter den Stößen jedesmal ein paar Zentimeter nach. Gleichzeitig wurde das Flattern und Fiepen dahinter lauter. Nach einem kurzen und grellen Aufkreischen der Angel, das im Dachboden ein wildes Gestöber auslöste, stand die Tür so weit offen, dass Philipp den Kopf ein Stück durch den Spalt stecken konnte. Obwohl das Licht nicht das allerbeste war, erfasste er mit dem ersten Blick die ganze Spannweite des Horrors. Dutzende Tauben, die sich hier eingenistet und alles knöchel- und knietief mit Dreck überzogen hatten, Schicht auf Schicht wie Zins und Zinseszins, Kot, Knochen, Maden, Mäuse, Parasiten, Krankheitserreger (Tbc? Salmonellen?). Er zog den Kopf sofort wieder zurück, die Tür krachend hinterher, sich mehrmals vergewissernd, dass die Verriegelung fest eingeklinkt war". (Seite 7)

Das wohl Besondere an diesem Buch oder zumindest erkläre ich mir damit die Preise, die es abgeräumt hat, ist, dass es ein kleines Stückchen Zeitgeschichte in sich trägt und Kritik an der NS-Ideologie ausübt. Die vielen Erlebnisse der Figuren kommen der Realität sehr nahe und der Einbezug ihrer Erinnerungen gibt dem Buch etwas Authentisches und teilweise hat man das Gefühl, dass es so in der Art und Weise tatsächlich geschehen haben musste. Nichtsdestotrotz hat mich die Geschichte einfach viel zu sehr gelangweilt und der Funke wollte einfach nicht über springen. Die Figuren sind trotz ihrer Details nicht interessant. Am Schluss habe ich mich gefragt, was dieses Buch wohl für einen Zweck erfüllen soll? Als Zeitroman taugt es irgendwie nicht und aufgrund der vorherrschenden Langeweile erfüllt es leider auch den Unterhaltungszweck nicht. Lieber Arno Geiger, was soll das??? 

Fazit:

Für dieses Buch vergebe ich zwei Sterne, ein Stern für die Sprache Geigers, immer wieder bin ich auf Wörter gestoßen, die ich noch nie gehört habe oder schon seit Ewigkeiten nicht mehr irgendwo gelesen habe. Den anderen Stern verdient Arno Geiger dafür, dass er Langeweile wirklich künstlerisch gestalten kann und das muss einer ihm mal nachmachen (Sorry für den Sarkasmus) 

naja...

Kommentare:

  1. ich finde es gut dass du die schlechteren Passagen im Buch etwas sarkastisch betrachten kannst, denn sich durch ein etwas langatmiges Buch hindurchzuquälen und dennoch "dranzubleiben" erlebt man bei Lesern nicht allzuoft. dennoch - für mich klingt es interessant und ich werde versuchen es zu erhaschen..
    lieben Gruß und danke für den Tipp und die ausführliche Rezension
    angelface

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  2. Liebe Angelface,

    ich finde das ganz ok, wenn man Bücher abbricht, die einem nicht gefallen. Wir haben leider zu wenig Zeit, die uns bleibt, um uns mit Büchern zu quälen. Dafür gibt es einfach viel zu viele gute Bücher, für die man dann keine Zeit hätte ^^ Lg zurück!

    PS: ich hab das Buch zwar nicht abgebrochen, dafür einiges übersprungen :)

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