Donnerstag, 24. August 2017

Madame Bovary


Flaubert muss wohl im Geheimen ein Misanthrop gewesen sein. Wer Flaubert schon gelesen hat und dennoch der Meinung ist, dass der Mensch auch Gutes in sich bewahrt, dem kann ich fast nicht glauben. Flaubert lebte immer sehr zurückgezogen und pflegte längerfristig betrachtet als einzigen sozialen Kontakt den Briefwechsel zu seiner damaligen Liebschaft. Recht früh verschrieb er sich der Analyse der tiefen Abscheu vor der Menschheit und schrieb in seinen Büchern immer wieder über sie. Dass gerade auch sein Roman Madame Bovary zu seiner Zeit einen Skandal ausgelöst hat und gegen die guten Sitten verstoßen hatte (Flaubert musste dafür ins Kittchen), können Leser aus diesen Tagen wohl kaum mehr nachvollziehen. Nichtsdestotrotz hat es dieses Buch mit seinen so ausgeprägt gestalteten Figuren in sich. Nichts an Madame Bovary ist leichtfüßig oder beiläufig. Jeder Satz macht Sinn und wurde an der richtigen Stelle platziert und formuliert. Man könnte meinen, das Buch ist wie eine Symphonie komponiert worden!

Inhalt:

Der 1857 veröffentlichte Roman Madame Bovary schildert die Liebschaften der gelangweilten Arztgattin Emma Bovary und zählt zu den kritischen Gesellschaftsromanen. Die erzählte Zeit ist um 1900 (also eigentlich 1800) angesetzt und spielt sich in der Normandie ab. Die Protagonistin, eine junge und verträumte Frau, heiratet ganz naiv den biederen Landarzt Charles Bovary in der Hoffnung auf ein beschauliches Leben. Aber schon bald nimmt ihr die Ehe die Luft zum Atmen und die junge Emma flüchtet sich in die berauschende Scheinwelt der Literatur. Ohne Ahnung und Aufklärung wie denn so eine Ehe im Alltag verläuft, wird Emma immer trauriger darüber, dass ihre Ehe nicht so ist wie in den Büchern, die sie liest. Um die innere Leere zu füllen, stürzt sie sich in Liebesabenteuer, die aber letztendlich nicht das gewünschte Glück bringen von dem sie insgeheim träumt und der Leser bekommt ab ca der Mitte des Buches mit wie Emma geistig und körperlich verfällt und schließlich freiweillig aus dem Leben scheidet.

Meine Meinung:

Madame Bovary ist ein sehr gutes Buch, das aber vermutlich nicht jeden Leser glücklich machen wird. Flaubert ist mit diesem Roman zumindest für mich ganz große Literatur gelungen und zwar im Stile der alten Schule. Wem Paranthesen, rhetorische Stilfiguren aus der Antike, wie Tropen (Stilmitteln, die für eine Figur statt der Bezeichnung eine Ersatzbezeichnung setzen, meist mythologisiert) und die realistische Schilderung unbestechlicher Sachlichkeiten Vergnügen bereiten, der wird dieses Buch lieben. Wer allerdings Probleme mit solchen Termini hat, da kann ich mir gut vorstellen, dass ein solcher Leser oder eine solche Leserin Madam Bovary sehr anspruchsvoll finden wird und vermutlich nicht mal bis zur Hälfte lesen. Bis zur Hälfte nämlich zaht sich die Lektüre und man wartet vergeblich darauf, dass irgendein Knaller passiert, der zumindest etwas Spannung in die bis ca zur Seite 200 geschilderte Welt bringt. Nüchtern, ganz im Stile des Realismus, schildert Flaubert die Lebenssituation von Emma und ihrem Mann Charles Bovary. Dabei werden unschöne Details nicht ausgeklammert und die Figuren werden dem Leser komplett lieblos nach der Reihe vorgeführt. Außerordentlich ist dabei Flauberts Auge für Landschaften und Natur. Wortreich umschreibt er die Umgebung und geht auch auf Kleidung, Aussehen und Eigenheiten der Figuren sehr detailliert ein. Ich mag sowas ja sehr gerne. Am liebsten hätte ich tagelang Flauberts Landschaftsmalerien, die in diesem Falle durch Worte passieren, gelesen.

Ab der Hälfte des Buches nimmt die Erzählung dann Fahrt an und Emma und ihr inneres Seelenleben rücken in  den Vordergrund. Vom Liebhaber verlassen, verfällt sie in Depressionen und wird sogar Bettlägrig. Durch ihre Krankheit werden Schulden angehäuft und Charles Bovary wächst dem Leser irgendwie ans Herz. Wie er alles Erdenkliche versucht, um seine geliebte Emma zu retten, das ist irgendwie rührend. Spätestens ab hier kann man das Buch dann nicht mehr aus der Hand legen. Dramatisch setzt ein Ereignis nach dem anderen ein und man vermutet schon, dass diese Geschichte kein gutes Ende mehr nehmen wird.

Fazit:

Madame Bovary besticht durch eine wortreiche Sprache und durch Flauberts eigenartigen Schreibstil, den man eben mag oder nicht. Anspruchsvoll und wortreich entführt er den Leser nach Frankreich, ins 19 Jahrhundert und nimmt kein Blatt vor dem Mund, um die damalige Gesellschaft ganz kritisch auf Papier zu bringen. Für mich ist der Roman große Literatur, er erfüllt jedes Literatenherz und ist purer Lesegenuss, wenn man denn nun auf sowas steht. Leser, die lieber moderne Literatur lesen und Probleme mit mythologischen Begriffen aus der Antike habe, werden das Buch vermutlich nicht besonders mögen. Meine Rezension bezieht sich allerdings auch auf die Ausgabe von 1985, eventuell gibt es schon modernere Überstzungen, die ohne dem auskommen. Einfach mal ausprobieren und Flaubert lesen! Von mir gibt es die ganze Punktezahl und das Buch kommt in meine Top 100 Liste.

Rory Gilmore Reading Challenge 63 gelesen von 300

verschlungen!

Kommentare:

  1. Hallo Tinka,
    da hast du aber wieder eine sehr schöne Klassiker-Ausgabe entdeckt, sieht sehr gut aus. Bei mir steht seit einiger Zeit schon die deutsche Neuübersetzung von Elisabeth Edl im Regal, die damals zur Neuerscheinung in unserer Stadtbibliothek auch gelesen und von der Neuübersetzung berichtet hat. Eines der Werke, die etwas mehr Lesezeit erfordern, ich versuche es mal für das nächste Jahr einzuplanen ;-)
    Liebe Grüße
    Thomas

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Thomas!

      Eine Neuübersetzung würde mich auch interessieren. Nicht, dass mir die 1985-Ausgabe nicht gefallen hat, aber einfach aus Interesse. Die Sprache in meiner Ausgabe ist manchmal schon sehr veraltet, solche Ausdrücke benutzt heute wohl kaum noch jemand. Wenn ich mal gebraucht irgendwo eine finde, dann nehm ich die bei Gelegenheit mit. Dann bin ich also schon mal neugierig auf deine Rezension, die ja irgendwann sicher kommt ^^

      Vielen Dank für deinen Kommentar und lg zurück

      Tinka

      Löschen

Blogger Widget
Contact GitHub API Training Shop Blog About © 2016 GitHub, Inc. Terms Privacy Security Status Help