Montag, 26. März 2018

Andere Stimmen, andere Räume


Truman Capote kennt man vor allem aufgrund seines Erfolgsromans Frühstück bei Tiffany, aber sicher auch wegen dem exzentrischen Lifestyle, den er zu Lebzeiten führte. Er tourte mitunter mit den Rolling Stones durch die USA, arbeitete als Drehbuchautor, musste mehrmals ins Gefängnis, trieb sich im damals angesagten und doch so verschrieenen Nightclub Studio 54 rum und verfiel schließlich den Drogen und dem Alkohol, bevor er als einsamer, von Halluzinationen geplagter Homosexuelle im Alter von 59 Jahren starb. Sein Debütroman Andere Stimmen, andere Räume fand beim ersten Erscheinen nur sehr wenig Anklang, das bedeutet aber nicht, dass das Buch nicht lesenswert ist. Im Gegenteil. Andere Stimmen, andere Räume überzeugt vor allem durch die poetische Schreibweise des Autors und durch seinen Südstaaten-Flair. Was es sonst noch mit diesem recht unbekannten Capote-Buch auf sich hat, erfährt ihr in den nächsten Zeilen.

Truman Capotes Debütroman beschäftigt sich einmal mehr mit dem Thema des Erwachsenwerdens und hat wie alle seine Romane viel Autobiographisches zwischen den Zeilen versteckt. Der Protagonist Joel Knox entspricht so ganz und gar nicht seinem Umfeld. Er gleicht mehr  einem schwächlichen Weib als einem anständigen, von harter Arbeit geplagtem Südstaatenjungen: mädchenhafte Zartheit, gesträhntes Haar und ein verträumter Blick führen nun mal dazu, dass er sich total isoliert fühlt. Was treibt er also den ganzen Tag so vor sich hin?

Radclif musterte den Jungen über den Rand seines Bierglases hinweg, und was er sah, gefiel ihm nicht. Er hatte so seine Vorstellungen, wie ein richtiger Junge auszusehen hatte, und dieser hier verstieß irgendwie dagegen. Er war zu hübsch, zu zart, zu hellhäutig. 

Nach dem Tod seiner Mutter kommt der erst 13-jährige Joel Knox nach Alabama zu seinem Vater und seiner Stiefmutter. Dort angekommen, muss er erst mal lernen, in der Einöde zu leben und bekommt die Aufgabe, sich um seinen Vater zu kümmern, der liegt nämlich todkrank im Bett und ist ohne fremde Hilfe nicht lebensfähig. Für einen 13-jährigen sicher kein leichtes Unterfangen. Im Verlaufe der Erzählung freundet er sich mit seinem Cousin Randolph an, der homosexuell ist und seine Tage rauschig im Halbschatten zubringt. Zu diesem Jungen entwickelt er eine intime Zuneigung und verliebt sich auch ihn. Außerdem gibt es da Idabel Thompkins, die mehr Junge als Mädel ist. Auch in sie verliebt sich Joel. Die Leserschaft erlebt wie hier Geschlechterrollen und Sexualität miteinander verschmelzen, keine Figur scheint homogen zu sein, alle schwimmen hier und dort mit und hängen irgendwie in der Luft. Diese unfesten Zonen, aber auch das Verschwimmen von Traum und Wirklichkeit machen das Buch zu einer Lesekost, die gewöhnungsbedürftig ausfällt. Noch dazu kommt, dass es keine wirkliche Handlung gibt und alles in einer Art geschildert wird, die von Eindrücken bestimmt wird.

Ein einsamer Landstrich ist das; und in den morastigen Niederungen, wo Tigerlilien, groß wie Menschenköpfe, blühen, gibt es lumineszierende Baumstümpfe, die im dunklen Moorwasser aufleuchten wie die Leiche Ertrunkener; oft regt sich weit und breit nur der winterliche Rauch, der sich aus dem Schornstein eines halb verfallenen Farmhauses  kräuselt, oder ein steifflügeliger Vogel, stumm und pfeiläugig, der über schwarzen, menschenleeren Fährenwäldern kreist.

Zwar gefielen mir diese Eindrücke sehr gut, weil schon beim Erstwerk Capotes deutlich wird, wie talentiert er als Schriftsteller war, aber insgesamt hätte ich mir dann doch eine struktuiertere Abfolge mit einer klaren Handlung gewünscht, ich tue mir da allgemein schwer mit solchen Büchern, in denen der Leser sich selbst überlassen wird und alle Einzelheiten selbst zusammenbauen muss, um einen Sinn hinter dem Erzählten zu erkennen. .

Dennoch habe ich das Buch sehr gerne gelesen, das liegt vor allem daran, dass ich einfach mag wie Capote schreibt. Obwohl seine Bücher im Vergleich zu anderen Autoren sehr einfach geschrieben sind, hat er eine besondere Art Dinge zu schildern. Er schafft es schnörkellos aber doch poetisch über Dinge zu schreiben und seine Sätze wirken irgendwie wie kleine Zauberstücke, die erst beim Lesen ihre volle Wirkung entfalten. Oft habe ich einfach die Sätze für sich gelesen ohne den semantischen Hintergrund erfasst zu haben, denn wie oben geschildert, war es für mich schwer das Buch zu lesen und eine Handlung mit Sinn dahinter zu sehen! 

Autobiographisch ist bei disem Werk vor allem der Bezug zu den Südstaaten und natürlich die Auseinandersetzung mit der menschlichen Sexualität, die dem Autor oft zum Verhängnis wurde. Aber auch die Gestaltung der Hauptfigur lässt Parallelen zum Autor vermuten, der ja selbst zierlich und blass war.  

Fazit: 

Capotes Roman ist nicht immer eindeutig zu verstehen, Joel spinnt sich seine Welt zusammen: Traum, Realität und Fantasie vermischen sich mit der Landschaft der Südstaaten zu einem skurrilen Roman, den man nicht einfach so in Worten fassen kann. Für Leser, die auch ohne Struktur gut auskommen.

★ ok

Kommentare:

  1. Gerade habe ich "Summer Crossing" gelesen, was er ja vor diesem Roman geschrieben hat, aber selbst nie veröffentlicht hat - das ist er posthum 2005 passiert. Damit ging es mir ganz ähnlich. Stilistisch war er da schon gut, hatte auch ein paar wirklich gelungene Formulierungen, aber im Großen und Ganzen wirkt der Roman dann doch noch etwas grob und unausgegoren. Ein paar Episoden sind einfach so "reingeknallt", als sei ihm das eben noch eingefallen. Gerne gelesen habe ich den Roman aber trotzdem.

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  2. Liebe schiefgelesen, bei mir steht nun als nächstes "Kaltblütig" auf der Liste, das soll ja dann doch ein Knaller sein. Ich fands dann doch schade, dass "Andere Räume, andere Stimmen" so verwirrend war, der Autor hat so ein Potenzial (hat gehabt oops) aber da er so gut schreibt, wars auf jeden Fall Wert das Buch zu lesen ^^

    Lg und einen schönen Frühlingsbeginn, hoffentlich hast du viel Sonne :))))

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  3. von Truman Capote kenne ich als Buch nur "kaltblütig" das ich schon als "Jugendliche gelesen und als phantastisch geschrieben empfunden habe. Auch die verfilmung ist gut gelungen,
    was du über dieses Buch schreibst hört sich interessant an, ich denke, ich werds mir besorgen...
    Danke für den Tipp...
    lieben Gruß
    angelface - (hab ja jetzt zeit dazu)

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    1. Liebe Angelface,

      Kaltblütig werd ich auch als nächstes lesen, hab schon viel Gutes darüber gehört :))) Ach da bin ich ja gespannt, ob dir das Buch "Andere Stimmen, andere Räume" gefällt. Ich mochte es wie beschrieben ganz gerne ^^ LG und sehr gerne, freue mich wenn meine Posts dazu animieren Bücher zu lesen !

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