Mittwoch, 4. April 2018

Die Schattenlinie


Joseph Conrad ist Weltliteratur, die meiner Meinung nach irgendwie ins Vergessen geraten ist. Es muss auch bei mir schon Jahre her sein, dass ich sein Buch Herz der Finsternis gelesen habe. Irgendwie ist auch vom Inhalt nicht mehr viel geblieben, weshalb ich mir nun vorgenommen habe, das Buch bald erneut zu lesen. Ich hatte auch ganz vergessen, wie gut Conrad schreiben kann. Als ich per Zufall dann auf der Hanser Homepage die Neuübersetzung seines Buches Die Schattenlinie sah, wollte ich es unbedingt lesen, da ich Conrad doch sehr positiv in Erinnerung hatte. 

Stilistisch gesehen, würde ich Conrad mit Flaubert gleichsetzen, so haben doch beide eine dichte Erzählweise, die Figuren bleiben aber oft unausgeschmückt und beide neigen zur Melancholie. Bei Conrad liegt dies mitunter daran, dass sein eigenes Leben recht turbulent verlief. Auch vor Selbstmord schreckte er nicht zurück, diesen aber überlebte er glücklicherweise dann doch noch. Allgemein bekannt ist aber die Tatsache, dass der Schriftsteller an Depressionen litt und erst als alter Mann mit seinen Büchern wirklich Erfolge verbuchen konnte. So litt er stets an Geldnot und erst als er sich dazu entschied, auf einem Schiff anzuheuern, ging es finanziell langsam bergauf für ihn. In seinen Büchern verarbeitet er dann die Erlebnisse auf hoher See und so fallen fast alle Geschichten dann autobiografisch aus. Die Literaturwissenschaft hat überaus viele Parallelen zum Leben und den Büchern Conrads nachgewiesen und dies ist auch bei dem Buch Die Schattenlinie nicht anders. 

Im Nachwort des Buches kann man den biografischen Hintergrund der Erzählung nochmals nachlesen und auch die Anmerkungen des Autors fügen noch einiges Wissenswerte über die Entstehung der Erzählung bei. Beides las ich doch sehr gern und insgesamt fand ich diese Informationen dann recht interessant. Hilfreich war auch das angeführte Glossar mit allen in der Geschichte vorkommenden nautischen Begriffen und diese zwei Lesezeichen sind auch farblich an die Buchgestaltung angepasst. Ein rundum schön verarbeitetes Buch. 

Die eigentliche Erzählung ist mit 182 Seiten eine kurze Geschichte, die sich um einen jungen Seemann dreht, der seine erste Fahrt als Kapitän eines Schiffes anzutreten hat. Die Reise steht von Anfang an unter keinem guten Stern, bevor das Schiff überhaupt in See sticht, wütet unter der Mannschaft das Tropenfieber und der junge Kapitän muss sich erstmals beweisen. So begibt sich der verträumte Mann auf das vom Tod begleitete erste Kommando und gerät mit dem Schiff dann in eine Flaute, wo es Tag um Tag nur noch im Kreis dahintreibt. Genug Zeit, um in düstere Stimmung zu verfallen, denn die begleitet den Leser das ganze Buch über. Teilweise hatte ich beim Lesen das Gefühl als hielte ich einen Roman aus dem viktorianischen England, ganz im Stile der gothic novels, in der Hand. Ich hatte Conrad als Schriftsteller gar nicht so düster in Erinnerung, aber wer mich kennt, der weiß ja, dass er damit zumindest bei mir genau ins Schwarze getroffen hat. 

Drei hohe Fenster blicken auf den Hafen. In ihnen war nichts zu sehen als die dunkelblau glitzernde See und das blassere Blau des Himmels. In der fernen Tiefe dieser Blautöne konnte ich den weißen Fleck eines großen Schiffes ausmachen, das gerade eingelaufen war und auf der äußeren Reede vor Anker ging. 

Und so verstreichen die Tage, bis nur noch zwei Mann vom Fieber verschont werden und der Kapitän sich überlegen muss, wie es weitergeht. Inzwischen muss er sich auch mit dem Geist seines Vorgängers rumschlagen und als er dann entdeckt, dass die an Bord gebrachte Medizin sich als nutzloses weißes Pulver entpuppt, trägt dies einmal mehr dazu bei, dass sich die Gedanken aller an Bord ins Unermessliche verdüstern. Eine zahnlose Hexe hat das Schiff ohne sein Wissen im Hafen von Bangkok verflucht. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich ein inneres Reifen, das den Kapitän zum verantwortungsbewussten Handeln zwingt und ihn durch Verzweiflung und Enttäuschung wachsen lässt. 

Es ist das Vorrecht der frühen Jugend, ihren Tagen voraus zu sein, in der herrlichen Fortdauer einer Hoffnung zu leben, die kein Innehalten kennt und keine Selbstbetrachtung [...] Die Zeit schreitet auch voran, bis man nicht weit voraus eine Schattenlinie sichtet, die einen mahnt, man müsse auch das Reich der frühen Jugend hinter sich lassen. 

Die Schattenlinie erweist sich als Entwicklungsroman vom unerfahrenen Jüngling zum schicksalserprobten Mann, der den Leser bangen und hoffen lässt, dass letztendlich doch alles ein gutes Ende finden möge. Spannend und voller Details aus dem Seefahrerleben schöpft Conrad nicht nur einmal aus eigenen Erfahrungen, die den Roman trotz Hang zum Übernatürlichen authentisch wirken lassen. Letztendlich sind es lebendige, leidende Menschen, von denen der Roman handelt. 

Ich habe die Geschichte regelrecht verschlungen und war von der ersten Seite von Conrads klarer und ausdrucksreicher Sprache begeistert. Von dem Buch habe ich mir eine Abenteuergeschichte erwartet und bekam diese auch. Darüber hinaus liebe ich alte Seefahrerromane und so hat mich Conrads Kurzerzählung ganz gut unterhalten. Die Hauptfigur bleibt aber, wie auch die Erzählung selbst, ein kleines Rätsel. Als Leser kann man ihn absolut nicht einschätzen. Zwar hat man Anteil an seinen Gedanken, diese bleiben aber auf ein paar düstere, sinnliche Eindrück, die durch die Wahrnehmung und durch Gefühle entstehen,  beschränkt. 

Fazit

Die Schattenlinie ist anspruchsvoll erzählt, begeistert durch eine düstere und abenteuerliche Stimmung und durch eine unermessliche Spannung, die den Leser bis zum Schluss fesselt und an die Erzählung bindet. Ganz große Literatur! 

★ verschlungen!

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